Erkrankungen

Reizdarm – ein Millionenproblem

Reizdarm

© ste­fa­nol­unar­di (foto​lia​.com, 23385349)

Mil­lio­nen Men­schen lei­den bei uns (bis 20%) unter der Reiz­darm-Erkran­kung („Reiz­darm-Syn­drom“, RDS). Wegen zumeist feh­len­der kör­per­li­cher Ver­än­de­run­gen wie Ent­zün­dun­gen, Schwel­lun­gen oder Blut­ver­än­de­run­gen tun vie­le Ärz­te die Erkran­kung als „ein­ge­bil­det“ ab, der Spie­gel zähl­te sie sogar zu den „erfun­de­nen Krank­hei­ten“ (Nr. 33, Aug. 2003). Die Betrof­fe­nen selbst lei­den jedoch meist sehr unter ihren Beschwer­den (schmerz­haf­ter Durch­fall, oft auch im Wech­sel mit quä­len­der Ver­stop­fung, Leib­schmer­zen oder krampf­ar­ti­gen Blä­hun­gen). Auch die Magen-Darm-Fach­ärz­te („Gas­tro-Ente­ro­lo­gen“) erfin­den die Krank­heit nicht – jede zwei­te ihrer Pati­en­tin­nen lei­det unter RDS-Beschwer­den.

Ein Reiz­darm wird dia­gnos­ti­ziert, wenn die Beschwer­den andau­ernd (min­des­tens 3 Mona­te in Fol­ge) oder immer wie­der neu auf­tre­ten (=„chro­nisch“ bezie­hungs­wei­se „chro­nisch-rezi­di­vie­rend“). Und kei­ne kör­per­li­chen („orga­ni­schen“) Ver­än­de­run­gen nach­weis­bar sind. Je nach­dem, wel­che Beschwer­den im Vor­der­grund ste­hen, gibt es vier RDS-Typen: Durch­fall (Typ I), Ver­stop­fung (Typ II), Blä­hun­gen und Schmer­zen (Typ III) und Bläh­sucht und Gas­bil­dung (Typ IV).

Die Beschwerden:

  • Ver­stop­fung oft kom­bi­niert mit Schmer­zen im Bereich eines Dick­darm-Abschnit­tes
  • Schmer­zen sind ent­we­der anfalls­wei­se und kramp­fend („koli­kar­tig“) oder anhal­tend und dumpf
  • Stuhl­gang kann Beschwer­den lin­dern
  • dem Stuhl ist oft kla­rer oder weiß­li­cher Schleim auf­ge­la­gert
  • nach dem Stuhl­gang oft das Gefühl unvoll­stän­di­ger Ent­lee­rung
  • Durch­fall oft über­fall­ar­tig plötz­lich, zum Bei­spiel mor­gens gleich nach dem Auf­ste­hen oder nach dem Essen, star­ker Stuhl­drang
  • Durch­fall ist zumeist mit Schmer­zen ver­bun­den
  • häu­fig sind Begleit-Beschwer­den wie unkla­re Leib­schmer­zen mal hier, mal dort, Blä­hun­gen, star­ke Darm­win­de, Übel­keit, Magend­rü­cken, Auf­sto­ßen, auch Sod­bren­nen
  • erst­ma­li­ges Auf­tre­ten zumeist im 3. oder 4. Lebens­jahr­zehnt
  • Häu­fig­keit: 10-20% der Bevöl­ke­rung in den meis­ten Län­dern der Welt
  • sehr wech­sel­haf­ter Ver­lauf der Beschwer­den, zum Bei­spiel Wech­sel zwi­schen zwang­haft-quä­len­dem Durch­fall und drü­cken­der Ver­stop­fung
  • RDS-Sym­pto­me tre­ten vor allem tags­über auf, weni­ger nachts
  • aku­ter Stress und ande­re Ereig­nis­se ver­schlim­mern Beschwer­den.

Ursa­chen Ärz­te haben bis­lang kaum Greif­ba­res her­aus­ge­fun­den. Klar ist nur, dass kein Organ so emp­find­lich, rasch und stark auf inne­re und äuße­re Rei­ze reagiert wie der Darm. Und zwar auch schon bei Gesun­den. Klar ist auch, dass es – außer Gehirn und Rücken­mark (=zen­tra­les Ner­ven­sys­tem, ZNS) – in kei­nem Organ sovie­le Ner­ven gibt wie im Darm – das soge­nann­te Darm-Gehirn. Und die­ses hängt eng mit dem ZNS zusam­men, wes­halb zum Bei­spiel Dau­er-Stress, ein plötz­li­cher Schreck oder Dau­er­angst bis zum Darm “durch­schla­gen“ kön­nen. Dies haben auch vie­le Men­schen ohne Reiz­darm schon selbst erfah­ren. Dass beson­ders „see­lisch ange­knacks­te“ Men­schen mit „gestör­tem Ner­ven­kos­tüm“ zu Reiz­darm nei­gen, ist mit die belieb­tes­te ärzt­li­che Ein­schät­zung. Die­se ist jedoch völ­lig falsch, denn das Gegen­teil ist wahr: Man­che Reiz­darm-Pati­en­ten bekom­men wegen ihrer jah­re­lan­gen, schlim­men Lei­dens­ge­schich­te see­li­sche Pro­ble­me wie Depres­sio­nen, über­stei­ger­te Emp­find­lich­keit, Schlaf­pro­ble­me, Leis­tungs­schwä­che, Müdig­keit – nicht umge­kehrt.

Reiz­darm: Asth­ma der Ein­ge­wei­de? Beim RDS ist die Rei­z­emp­find­lich­keit der Bauch-Ein­ge­wei­­de stark erhöht („vis­ze­ra­le Hyper­sen­si­ti­vi­tät“). Ähn­lich wie bei Asth­ma, wo die Atem­we­ge stark über­emp­find­lich reagie­ren. Das „lim­bi­sche Sys­tem“ im Gehirn steu­ert einer­seits alle Lebens­funk­tio­nen im Kör­per, auch den Darm. Und ist ande­rer­seits für alle Gefühls-Reak­­ti­o­­nen (Wut, Freu­de, Angst) zustän­dig. Bei Rei­z­darm-Pati­en­­ten ist die­se Gehirn­re­gi­on akti­ver als bei Gesun­den. Eine Fol­ge: Der Darm reagiert viel zu früh und/​​oder schon auf klei­ne Rei­ze (zum Bei­spiel gerin­ge Darm­fül­lung), auch klei­ne emo­tio­na­le Rei­ze (zum Bei­spiel leich­ter Stress).

Dia­gno­se Eine Dia­gno­se-Ver­fah­ren für RDS gibt es nicht. Des­halb wird eine, oft auf­wän­di­ge Aus­schluss-Dia­gnos­tik mit allen Mit­teln der moder­nen Medi­zin durch­ge­führt. Das heißt: Es wer­den alle Darm-Krank­hei­ten aus­ge­schlos­sen, die mit Maschi­nen, Gewe­be­un­ter­su­chung, Blut- oder Stuhl­tests nach­weis­bar sind. Zum Bei­spiel eine chro­nisch-ent­zünd­li­che Darm­er­kran­kung, Darm­krebs oder Darm­wand-Aus­sa­ckun­gen („Diver­ti­ku­lo­se“). Die­ses Vor­ge­hen ist im Inter­es­se der Pati­en­tin­nen, denn die Dia­gno­se RDS hat auch etwas Posi­ti­ves: RDS ist näm­lich

  • weder akut noch auf lan­ge Sicht lebens­be­droh­lich,
  • brei­tet sich nicht bös­ar­tig auf ande­re Orga­ne aus und
  • führt auch nicht zum Tode.

Behandlung

Die Schul­me­di­zin bie­tet kei­ne spe­zi­fi­sche Behand­lung, son­dern nur All­ge­mein-Maß­nah­men, die im Ein­zel­fall mal hilf­reich sein kön­nen: Ernäh­rungs­be­ra­tung, ver­stärk­te kör­per­li­che Akti­vi­tät (vor allem Aus­dau­er­sport), Stress­ab­bau oder Ent­span­nungs­übun­gen. Medi­ka­men­te sol­len Beschwer­den lin­dern und sind gegen Ver­stop­fung, Durch­fall, Schmer­zen oder Krämp­fe gerich­tet. Die natur­heil­kund­li­che Medi­zin rich­tet sich weni­ger gegen die Beschwer­den, son­dern mehr gegen mög­li­che Ursa­chen bei gestör­ter Darm-Funk­ti­on.

Arzt/​Heilpraktiker Oft sehr gute Wir­kun­gen erzielt die tra­di­tio­nel­le chi­ne­si­sche Medi­zin (TCM), vor allem mit der Aku­punk­tur. Wie bei allen chro­ni­schen Erkran­kun­gen ist es jedoch nicht mit einer Behand­lung getan, 6-12 Sit­zun­gen wer­den oft­mals nötig. Kaum eine Alter­na­tiv­the­ra­pie wirkt so tief­grei­fend bei funk­tio­nel­len Erkran­kun­gen auch des Dar­mes wie die Homöo­pa­thie. Auch hier ist Geduld von­nö­ten, selbst wenn Pati­en­ten immer wie­der von beein­dru­cken­den Sofort­erfol­gen berich­ten. Bei der Fuß­re­flex­zo­nen-Behand­lung wer­den zart und vor­sich­tig mit dem Darm kor­re­spon­die­ren­de Druck­zo­nen der Füße mas­siert oder gedrückt. Da der Darm so sehr emp­find­lich auf Rei­ze reagiert und man bei Selbst­be­hand­lung rasch zuviel des Guten tun kann, soll­te die Behand­lung nur von erfah­re­nen The­ra­peu­ten durch­ge­führt wer­den. Nötig sind 6-12 Sit­zun­gen für jeweils knapp 30 Minu­ten. Ver­fah­ren wie Auto­ge­nes Trai­ning die­nen nicht nur der, für vie­le Reiz­darm-Pati­en­tin­nen wich­ti­gen Ent­span­nung. Son­dern sie erlau­ben auch – nach mehr­mo­na­ti­ger regel­mä­ßi­ger Übung – eine Art „Selbst-Hyp­no­se“, mit der Pati­en­ten Kör­per­funk­tio­nen mit­re­gu­lie­ren kön­nen. Und so zum Bei­spiel die über­schie­ßen­de Reak­tio­nen des Darms har­mo­ni­sie­ren. Ein­füh­rungs­kur­se umfas­sen 10-12 Abend­kur­se (Kran­ken­kas­sen, Volks­hoch­schu­le, Ärz­te). Nach­teil fast aller Behand­lun­gen Ärz­te, Heil­prak­ti­ker oder ande­re Health Pro­fes­sio­nals ist ihr oft hoher Preis – kei­ne Kran­ken­kas­se über­nimmt die­se Kos­ten.

Selbstbehandlung (auch als Unterstützung der medizinischen Therapie)

  • Mine­ral­sal­ze nach Schüss­ler („Bio­che­mie“) (Apo­the­ke) müs­sen kur­mä­ßig über min­des­tens 3-8 Wochen ein­ge­nom­men wer­den. Wich­tig bei Reiz­darm sind zum Bei­spiel (1-2x täg­lich 1 Tablet­te, gleich­zei­ti­ge Ver­wen­dung mög­lich):
  • Kom­plex-Bio­che­mie (meh­re­re Schüß­l­er­sal­ze kom­bi­niert (Apo­the­ke). Die­se soge­nann­ten Bicom­plex-Mit­tel soll­ten eben­falls kur­mä­ßig über min­des­tens sechs Wochen ein­ge­nom­men wer­den (län­ge­re Ein­nah­me ist pro­blem­los mög­lich). Ein beson­de­rer Vor­teil: Bei Bicom­plex-Mit­teln ent­fällt der Umgang mit meh­re­ren ein­zel­nen Schüß­ler-Mine­ral­sal­zen. Die nach­fol­gend genann­ten Mit­tel kön­nen im täg­li­chen Wech­sel ein­ge­nom­men wer­den.
  • Die Bach-Blü­ten­the­ra­pie ist beson­ders hilf­reich, wenn vor allem Gefühls­mä­ßi­ges oder Stress auf den Darm „schla­gen“, zum Bei­spiel fol­gen­de Mit­tel:
    • Rock Rose (gel­bes Son­nen­rös­chen), wenn aku­te Angst­zu­stän­de, Schre­cken oder Panik­ge­füh­le vor­herr­schen
    • Beech (Rot­bu­che), bei wenig Ein­füh­lungs­ver­mö­gen in ande­re und Ich-Bezo­gen­heit
    • Agri­mo­ny (Oder­men­nig) bei Über­sen­si­bi­li­tät und Schüch­tern­heit
  • Bes­ser als die Selbst­be­hand­lung mit homöo­pa­thi­schen Ein­zel­mit­teln ist oft eine Kom­bi­na­ti­on meh­re­rer Mit­tel, die soge­nann­ten Kom­plex­mit­tel. Ver­schie­de­ne Pro­duk­te sind spe­zi­ell für die Reiz­darm-Erkran­kung zusam­men­ge­stellt, zum Bei­spiel:
    • Plum­bum ace­ti­cum Oli­gop­lex®
    • Spas­cup­re­el®
  • Pflanz­li­che Heil­mit­tel lin­dern beim Reiz­darm Beschwer­den, nach­hal­tig hei­lend wir­ken sie nur bei sehr indi­vi­du­el­ler Anwen­dung durch erfah­re­ne Behand­le­rIn­nen.
  • Wich­tig sind auch mit­ein­an­der kom­bi­nier­te Heil­pflan­zen (Apo­the­ke): Kamil­le, Pfef­fer­min­ze, Gelb­wurz und Schöll­kraut. Bei Durch­fall auch indi­sche Floh­sa­men (oder die Scha­len) oder gerb­stoff­hal­ti­ge Pflan­zen wie zum Bei­spiel Uza­ra­wur­zel. Bei Blä­hung und Völ­le­ge­fühl hel­fen die Früch­te von Anis, Fen­chel und Küm­mel, auch in Kom­bi­na­ti­on mit beru­hi­gen­dem Laven­del. Auch Pfef­fer­minz­öl-Kap­seln wir­ken gut ent­blä­hend. Pflanz­li­che Kom­bi­na­ti­ons­mit­tel, die unter ande­rem die bit­te­re Schlei­fen­blu­me und Mari­en­dis­tel­früch­te ent­hal­ten (Apo­the­ke), wir­ken zusätz­lich ent­kramp­fend und regen gleich­zei­tig die Darm­be­weg­lich­keit an.
  • Wenn Sie sich gesund ernäh­ren, hel­fen Sie Ihrem Darm, wie­der gesund zu wer­den. Ach­ten Sie des­halb auf gut ver­träg­li­che und ver­dau­li­che Spei­sen, essen Sie lang­sam, kau­en Sie lan­ge. Spei­cheln Sie jeden Bis­sen gut ein. Essen Sie wenig blä­hen­den Spei­sen.
  • Und: Legen Sie sich auch mal zur Ent­span­nung eine Wärm­fla­sche auf den Bauch. Ver­su­chen Sie, etwas ruhi­ger und aus­ge­gli­che­ner zu sein, ver­ab­schie­den Sie – wenigs­tens am Wochen­en­de – Stress, Hek­tik und Ärger.
  • Wenn Sie dazu noch etwas Sport trei­ben und sich mehr bewe­gen, wird es Ihnen auch Ihr Darm dan­ken.

Autor
• Rai­ner H. Buben­zer, Gesund­heits­be­ra­ter, Bicom​ple​xe​.Heil​pflan​zen​-Welt​.de, Ber­lin, Janu­ar 2011.