Erkrankungen

Magengeschwür (1925)

Von Dr. med. Kon­rad Grams, Arzt in Ber­lin (1925).

© Sebas­ti­an Kau­litz­ki (foto​lia​.com, 23043089)

Anmer­kung Durch moder­ne Medi­ka­men­te wie Anta­zi­da, H2-Blo­­cker und Pro­to­nen­pum­pen­in­hi­bi­to­ren (PPI) sowie die Bekämp­fung des „Magen­kei­mes“ Heli­co­bac­ter pylo­ri ist das Magen­ge­schwür bei all den Pati­en­ten glück­li­cher­wei­se fast ganz ver­schwun­den, die frü­her vor allem betrof­fen waren (sie­he unten). Lei­der ist es seit­her bei ganz ande­ren Pati­en­ten­grup­pen häu­fig gewor­den: Näm­lich Hun­dert­tau­sen­den von Pati­en­ten, die häu­fig anti-ent­­zün­d­­lich wir­ken­de Schmerz­mit­tel aus der Grup­pe der „nicht-ste­ro­i­da­­len Anti­rheu­ma­ti­ka“ (NSAR) ein­neh­men. Zum Bei­spiel Ace­­tyl-Sali­­cyl­­säu­­re (ASS, Aspi­rin®) und ande­re. Dies sind vor allem oft älte­re Pati­en­ten mit chro­ni­schen Erkran­kun­gen des Bewe­gungs­ap­pa­ra­tes (zum Bei­spiel „Rheu­ma“ oder Arthro­se). Auch die­se Pati­en­ten soll­ten umge­hend eine The­ra­pie mit hoch­wirk­sa­men Säu­re­blo­ckern und even­tu­ell Anti­bio­ti­ka erhal­ten. Die fol­gen­den Infor­ma­tio­nen zei­gen, wie lang­wie­rig und kom­pli­ziert die The­ra­pie des Magen­ge­schwürs vor noch nicht ein­mal 100 Jah­ren war. Und wel­che Akut- oder diä­te­ti­schen Maß­nah­men vor­ge­schla­gen wur­den (Rai­ner H. Buben­zer, Gesund­heits­be­ra­ter, Dezem­ber 2010).

Wesen und Anzeichen.

Das run­de Magen­ge­schwür ist eine häu­fi­ge Erkran­kung des jugend­li­chen Alters. Am häu­figs­ten kommt es zwi­schen dem 15. bis 30. Lebens­jah­re vor. Es ent­wi­ckelt sich infol­ge stän­di­ger Rei­zung der Magen­schleim­haut durch über­mä­ßi­ge Abson­de­rung von Salz­säu­re. Beson­ders dis­po­niert zu Magen­ge­schwür sind bleich­süch­ti­ge, blut­ar­me und tuber­ku­lö­se Per­so­nen.

Die aus­lö­sen­den Ursa­chen sind loka­le Blut­stau­un­gen der Magen­schleim­haut, wodurch ihre Ernäh­rung an die­ser Stel­le gestört und ihre Wider­stands­fä­hig­keit geschwächt wird. Die­se nicht genü­gend mit Blut ver­sorg­te Stel­le der Magen­schleim­haut wird daher leicht von dem stark salz­säu­re­hal­ti­gen Magen­saft ange­grif­fen. Solan­ge aber die Blut­zir­ku­la­ti­on in der Magen­schleim­haut nor­mal ist, kann kei­ne Schä­di­gung ein­tre­ten.

Zunächst ent­steht eine klei­ne ober­fläch­li­che Schleim­haut­zer­stö­rung von run­der oder läng­li­cher Form. Die­se wird bei wei­ter bestehen­der Ernäh­rungs­stö­rung der Schleim­haut grö­ßer, greift in die Tie­fe und zer­stört Tei­le der Magen­wand. Das Geschwür hat dann das Aus­se­hen eines Trich­ters. Wird durch das Geschwür ein Blut­ge­fäß ange­fres­sen, so kommt es zu einer mehr oder min­der star­ken Blu­tung in dem Magen.

Wenn jemand eine über­mä­ßi­ge sau­re Magen­saft­ab­son­de­rung und unmit­tel­bar nach sei­nen Mahl­zei­ten regel­mä­ßig Magen­schmer­zen immer an einer bestimm­ten Stel­le hat, so besteht die sehr gro­ße Wahr­schein­lich­keit, daß sol­che wun­den Geschwü­re vor­han­den sind. Die­se wer­den grö­ßer und tie­fer und kön­nen schließ­lich die Magen­wand durch­boh­ren.

Die Schmer­zen wer­den als dumpf, boh­rend, bren­nend emp­fun­den, las­sen meist sofort nach, wenn der Magen leer wird.

Das Erbre­chen ist ein sel­ten feh­len­des Zei­chen bei Magen­ge­schwür. Es tritt meist eini­ge Stun­den nach der Nah­rungs­auf­nah­me auf, wonach dann auch die Schmer­zen in der Regel nach­las­sen. Die erbro­che­nen Spei­se­res­te zei­gen meist einen hohen Säu­re­ge­halt.

Ein wei­te­res und wich­ti­ges Zei­chen ist die Magen­blu­tung, das Blut­bre­chen. Die Blut­men­ge ist dabei ganz ver­schie­den. Auf die Magen­blu­tung allein kann man aber noch nicht auf ein Magen­ge­schwür schlie­ßen, denn die Magen­blu­tung tritt auch bei Magen­krebs und Ver­let­zun­gen auf. Wo man im Zwei­fel ist, fra­ge man den Arzt.

Wenn die Blu­tung groß ist, dann wird das Gesicht blaß, der Puls klein und schnell. Der Kran­ke bekommt alle Zei­chen des Schwä­che­ge­fühls. Uebel­keit, Flim­mern vor den Augen, Ohren­sausen und schließ­lich voll­kom­me­ne Ohn­macht. In der Regel erholt sich der Kran­ke bald wie­der. Bei bal­di­gem Erbre­chen nach der Magen­blu­tung sehen die Mas­sen dun­kel­rot aus. Hat jedoch der sau­re Magen­saft schon län­ge­re Zeit auf das Blut ein­ge­wirkt, so hat das Erbro­che­ne ein schwarz-brau­nes, kaf­fee­sat­zähn­li­ches Aus­se­hen.

Da nicht alles Blut erbro­chen wird, geht ein Teil mit dem Stuhl­gang durch den Darm ab. Der Stuhl zeigt dann eben­falls eine dunk­le bis schwarz-brau­ne Far­be.

Nur wenn sich die­se drei Zei­chen: „Magen­schmerz, Erbre­chen, Magen­blu­tung“ fin­den, dann kann man mit gro­ßer Wahr­schein­lich­keit ein Magen­ge­schwür ver­mu­ten. Da die Kran­ken meist aus Furcht vor Schmer­zen wenig essen, so lei­det selbst­ver­ständ­lich die Ernäh­rung in vie­len Fäl­len, und gro­ße Schwä­che und Kraft­lo­sig­keit ist die Fol­ge.

Heilaussichten.

Das Geschwür heilt mit­un­ter sehr schnell, in ande­ren Fäl­len wie­der zieht sich die Hei­lung über Mona­te und Jah­re hin­aus, wenn es über­haupt zur Hei­lung kommt. Bricht das Geschwür durch die Magen­wand, so ent­leert sich der Magen­in­halt in die freie Bauch­höh­le, es ent­steht eine fast immer töd­lich enden­de Bauch­fell­ent­zün­dung. Die haupt­säch­lichs­ten Anzei­chen hier­für sind ein sofort ein­set­zen­der hef­ti­ger Schmerz in der Magen­ge­gend, Auf­trei­bung des Lei­bes und Ohn­macht.

Jedes Geschwür heilt mit nar­bi­ger Ver­en­ge­rung; daher bil­det sich als Fol­ge eines geheil­ten Magen­ge­schwürs leicht eine Magener­wei­te­rung aus, wenn das Geschwür am Magen­aus­gang sitzt. Beim Sitz in der Mit­te des Magens wird der Magen durch den Nar­ben­zug zusam­men­ge­schnürt. Es bil­det sich der soge­nann­te Sand­uhr­ma­gen. Auf Geschwürs­nar­ben ent­wi­ckelt sich leicht Magen­krebs.

Vorbeugung.

Wenn ein Pati­ent an zu star­ker Säu­re­ab­son­de­rung lei­det, so muß man schon Ver­dacht haben auf eine Schä­di­gung der Magen­schleim­haut oder den Anfang eines Geschwürs, zumal, wenn er dazu noch unmit­tel­bar nach der Mahl­zeit über Schmer­zen an einer bestimm­ten Stel­le der Magen­ge­gend klagt. Jetzt muß schon eine ent­spre­chen­de Behand­lung ein­set­zen, die die­sel­be ist wie bei einem aus­ge­bil­de­ten Magen­ge­schwür.

Behandlung.

Voll­kom­me­ne Bett­ru­he, völ­li­ge Nah­rungs­ent­hal­tung für eini­ge Tage, um jede Tätig­keit des Magens aus­zu­schal­ten, die Abson­de­rung des sau­ren Magen­saf­tes ein­zu­schrän­ken, die Magen­wand nicht zu deh­nen, die Ver­nar­bung des Geschwürs zu beschleu­ni­gen. Wäh­rend der Bett­ru­he lege man stun­den­lang hei­ße Leib­kom­pres­sen auf, beson­ders wenn star­ke Schmer­zen bestehen. Bei fri­scher Blu­tung ist eine küh­le Leib­kom­pres­se auf­zu­le­gen sowie Ablei­tung nach den Hän­den und Füßen durch küh­le Packun­gen, evtl. mit Wär­me­fla­schen, zu ver­su­chen. Kal­te Sitz­bä­der sol­len nicht genom­men wer­den, weil die­se die Blu­tung anre­gen.

Oft wer­den auch, wie die Erfah­rung gelehrt hat, die Blu­tun­gen auf reflek­to­ri­schem Wege vom Mast­darm aus gestillt durch Ein­füh­rung klei­ner Eis­stü­cke in den Darm, resp. durch kal­te Behal­te-Klis­tie­re oder durch hei­ße Klis­tie­re von 45* C von 1/​2 Liter, die in Rücken­la­ge zu geben sind und, wenn nötig, mehr­mals hin­ter­ein­an­der.

Bei star­ker Herz­schwä­che und kör­per­li­chem Zusam­men­bruch blei­ben dem Arzt die geeig­ne­ten Maß­nah­men vor­be­hal­ten, aber durch Tief­la­ge­rung des Kop­fes und Erwär­men der Glie­der kann schon vor­ge­ar­bei­tet wer­den.

Inner­lich ist gegen die Blu­tung ein Eßl­öf­fel erwärm­te Gela­ti­ne, vier­tel- bis halb­stünd­lich, sehr nütz­lich. Bei hef­ti­gem Schmerz ist neben der hei­ßen Leib­kom­pres­se der Genuß von Oel sehr zu emp­feh­len. Man gibt stünd­lich bis zwei­stünd­lich oder nur vor dem Essen 1 bis 2 Eßl­öf­fel Oel. Das Oel über­zieht das Geschwür mit einer Schutz­schicht, schützt es vor der Ein­wir­kung des sau­ren Magen­saf­tes. Außer­dem wird die Säu­re­ab­son­de­rung und die Magen­be­we­gung her­ab­ge­setzt. Wenn das Oel Uebel­keit her­vor­ruft, dann ver­setzt man es mit Zucker oder reicht Man­del­milch.

Bei etwa noch nach der Hei­lung vor­han­de­ner Emp­find­lich­keit sind küh­le Lei­bum­schlä­ge, abwech­selnd kal­te und hei­ße Leib­kom­pres­sen sowie noch län­ge­re Zeit Scho­nungs­di­ät ange­zeigt. Mas­sa­ge darf auch jetzt wegen einer zu befürch­ten­den Blu­tung noch nicht ange­wen­det wer­den.

(Biochemische Komplexmittel)

Von unse­ren bio­che­mi­schen Kom­plex­mit­teln sind gleich zu Anfang Blut­mit­tel und Magen­mit­tel 1 anzu­wen­den, am bes­ten drei­stünd­lich im Wech­sel drei Tablet­ten. Bei Blu­tun­gen in kür­ze­ren Zwi­schen­räu­men. Auf­ste­hen soll der Kran­ke erst dann, wenn kei­ne Schmer­zen mehr vor­han­den sind und wenn kein Blut mehr im Stuhl­gang nach­zu­wei­sen ist. Dies wird in etwa zwei bis drei Wochen der Fall sein.

Diät.

Wenn in schwe­ren Fäl­len kei­ne Nah­rungs­auf­nah­me durch den Mund gestat­tet ist, dann behilft man sich in den ers­ten Tagen durch zwei- bis drei­täg­li­che Nährk­lis­tie­re.

In leich­ten und mit­tel­schwe­ren Fäl­len gibt man in den ers­ten Tagen nur laue oder kal­te Milch, und zwar halb­stünd­lich bis stünd­lich nur einen Tee­löf­fel oder Eßl­öf­fel voll. Bei star­ker Säu­re­bil­dung kann man der Milch auf einen Tas­sen­kopf voll einen Eßl­öf­fel oder Tee­löf­fel voll Kalk­was­ser zur Neu­tra­li­sa­ti­on zuset­zen. Wird die Milch gut ver­tra­gen, so kön­nen nach der ers­ten Woche Mehl- und Schleim­sup­pen gege­ben wer­den; von der zwei­ten Woche ab Breie, wie Kar­tof­fel­brei, Hafer­brei, Reis­brei, Karot­ten­brei, Spi­nat, spä­ter Fische und evtl. durch­ge­dreh­tes Fleisch. Als Geträn­ke sind, außer Milch, dicke Milch, sau­re Milch, Milch­was­ser, But­ter­milch, Man­del­milch, Kakao usw. zu rei­chen, je nach Geschmack und Ver­lan­gen des Kran­ken. Man darf sich bei der Ernäh­rung nicht auf ein Sche­ma fest­le­gen, son­dern man muß stets die größt­mög­lichs­te Scho­nung des Magens im Auge behal­ten.

Lite­ra­tur
Grams K: Das Magen­ge­schwür. Die Kom­­plex-Bio­­che­­mie. 1925 Jan 1; 5(1):10-2.