Erkrankungen

Blähungen (1925)

Blähungen

© Pio­tr Mar­cin­ski (foto​lia​.com, 25294167)

Von Dr. med. Kon­rad Grams, Arzt in Ber­lin.

Fast jeden Tag kom­men in mei­ne Sprech­stun­de Pati­en­ten, die über viel Blä­hun­gen, dicken auf­ge­trie­be­nen Leib. Herz­angst, Druck­ge­fühl im Magen, Übel­keit. Schwin­del­ge­fühl, ein­ge­nom­me­nen Kopf. Ver­gess­lich­keit usw. kla­gen. Meist ist bei die­sen Pati­en­ten kein orga­ni­sches Lei­den fest­zu­stel­len. Die­se Beschwer­den wer­den ganz all­ge­mein für ner­vös gehal­ten.

Die Grund­ur­sa­che all die­ser Beschwer­den liegt aber in der über­mä­ßi­gen Bil­dung von Blä­hungs­ga­sen. Wenn sich Spei­sen, Fleisch und ande­re Stof­fe zer­set­zen, so gehen sie in Fäul­nis über. Hier­bei ent­wi­ckeln sich übel­rie­chen­de Gase, wie jeder aus Erfah­rung weiß. Die­se Gase sind aber gif­tig. Außer­dem neh­men die Gase einen grö­ße­ren Raum ein. Sie haben das Bestre­ben, sich aus­zu­deh­nen. Wenn nun in unse­rem Kör­per sol­che Zer­set­zungs­ga­se ent­ste­hen, so wir­ken die­se eben­falls gif­tig und suchen sieh auch im Kör­per aus­zu­brei­ten. Emil Dreb­ber (Emil Dreb­ber, Zer­set­zungs­ga­se und Schwä­che­zu­stän­de. Ver­lag Dreb­bers Diät­schu­le, Ober­kas­sel-Bonn. Preis 2,– M.) sagt u. a. in sei­ner sehr lesens­wer­ten Schrift Zer­set­zungs­ga­se und Schwä­che­zu­stän­de: „Die Men­schen glei­chen unwis­sen­den Loko­mo­tiv­füh­rern, die kei­ne Ahnung von der Gewalt des Damp­fes haben und blind­lings in Unglück und Tod ren­nen. Wer kennt die zer­stö­ren­den Kräf­te, die im Innern des mensch­li­chen Kör­pers hau­sen und die so oft unvor­her­ge­se­hen gro­ßes Leid über uns brin­gen durch Krank­heit, Siech­tum, Arbeits­un­fä­hig­keit, Armut und vor­zei­ti­gen Tod.

Wie der Dampf aus dem Was­ser, so ent­ste­hen aus unse­rer täg­li­chen Nah­rung Gase, die wir ken­nen und beherr­schen müs­sen. Der Dampf­kes­sel platzt, wenn bei star­kem Druck das Ven­til nicht funk­tio­niert — beim Men­schen wer­den durch Gas­an­samm­lun­gen (Blä­hun­gen) inne­re Orga­ne an der Tätig­keit ver­hin­dert, ver­drängt oder zer­stört, fer­ner Gehirn- und Ner­ven­lei­den sowie Schlag­an­fäl­le her­vor­ge­ru­fen.

Das stimmt: ja noch mehr: Die­se Oase erdrü­cken mit ele­men­ta­rer Gewalt die eige­ne Ner­ven­kraft, sie ver­gif­ten das Blut und den gan­zen Kör­per, sie stö­ren die Gehirn­tä­tig­keit, sie schwä­chen den Wil­len, ver­än­dern den Cha­rak­ter und beläs­ti­gen den Men­schen oft in unge­ahn­ter Wei­se.

Wenn die Blä­hun­gen in sol­cher Wei­se auf den Gesund­heits- und Geis­tes­zu­stand eines Men­schen ein­wir­ken, war­um kämpft man nicht dage­gen an? Aus Unwis­sen­heit, Nach­läs­sig­keit, Bequem­lich­keit und ande­ren Grün­den.

Wenn wir nun den Feind im Lager — die Blä­hun­gen — ken­nen, müss­te es doch auch ein leich­tes sein, die­ses Übel zu ver­hü­ten, soll­te man mei­nen. In der Kriegs­zeit hat wohl jeder unter den Blä­hungs­be­schwer­den gelit­ten, und jetzt ist es bei vie­len noch nicht bes­ser gewor­den. Die Schuld wur­de dem schwer­ver­dau­li­chen Brot bei­gemes­sen. Die Haupt­schuld haben aber unse­re geschwäch­ten Ver­dau­ungs­or­ga­ne.

Unse­re Nah­rung wird von den Zäh­nen zer­malmt, wird im Magen und Darm­ka­nal durch Ein­wir­kung der Ver­dau­ungs­säf­te auf­ge­schlos­sen. Die für den Kör­per brauch­ba­ren Stof­fe wer­den dann dein Lymph- und Blut­ge­fäß­sys­tem zuge­führt, von wo sie dann in alle Kör­per­tei­le gelan­gen.

Sie die­nen so dem Kör­per als Ersatz für die ver­brauch­ten und abge­nutz­ten Kör­per­zel­len. Dies ist in Kür­ze und all­ge­mein­ver­ständ­li­cher Form die Phy­sio­lo­gie der Ernäh­rung.

Da aber die meis­ten Men­schen heu­te nicht mehr gesun­de Ver­dau­ungs­or­ga­ne haben, so ver­zö­gert sich der gan­ze Ver­dau­ungs­pro­zess. Die Spei­sen wer­den schon im Mun­de nicht so zer­klei­nert, wie es sich gehört. Der Magen hat daher mehr Arbeit, er erschlafft mit der Zeit. Dann blei­ben die Spei­se­res­te im Darm­ka­nal län­ge­re Zeit lie­gen. Sie zer­set­zen sich hier, und es ent­wi­ckeln sich dabei mehr oder min­der übel­rie­chen­de Gase. Die­se Gase – Blä­hun­gen – ent­wei­chen auf dem natür­li­chen Wege – dem After – als Win­de, oft mit lau­tem Geräusch. Gar oft kla­gen mir Pati­en­ten, dass sie sich wegen die­ser lau­ten und stark rie­chen­den Oase nicht in Gesell­schaft sehen las­sen kön­nen.

In anor­ma­ler Wei­se ent­wei­chen auch die Gase nach oben durch Auf­sto­ßen oder Rülp­sen. Manch­mal ist das Auf­sto­ßen so stark, dass Spei­se­res­te mit hoch­ge­bracht wer­den.

Da aber nicht alle Fäul­nis­ga­se ent­wei­chen, so bleibt ein gro­ßer Teil davon im Darm­ka­nal zurück. Die­se Gase üben nun ihre krank­ma­chen­de Wir­kung aus. Sie deh­nen die Darm­wan­dun­gen aus. In schwe­ren und sehr sel­te­nen Fäl­len kommt es dann zur Bläh- und Trom­mel­sucht. Außer­dem tre­ten die­se gif­ti­gen Oase ins Blut über, machen den Men­schen unlus­tig zu jeder Beschäf­ti­gung und ner­ven­krank.

Grö­ße­re loka­le Schä­di­gun­gen ver­ur­sa­chen die Blä­hun­gen jedoch im Mast­darm. Ich habe in letz­ter Zeit vie­le Pati­en­ten gehabt, die an After­ju­cken, Wund­heits­ge­fühl im Mast­darm und Aus­fluss von Schleim aus dem Mast­darm klag­ten. Ein­ge­hen­de Unter­su­chung des Mast­darms ergab meist kei­ne Hämor­rhoi­den, dage­gen war die Schleim­haut des Mast­darms geschwol­len, ent­zün­det, tief dun­kel­rot ver­färbt, mit Schleim bedeckt sowie bei Berüh­rung leicht blu­tend. Alle Pati­en­ten klag­ten über sehr star­ke und quä­len­de Blä­hun­gen, die sie schon meh­re­re Jah­re hat­ten.

Hier haben offen­bar die Blä­hun­gen nicht nur mecha­nisch durch Deh­nung des Mast­darms, son­dern haupt­säch­lich wohl durch die gif­ti­gen Eigen­schaf­ten der Gase die Mast­darm­schleim­haut in die­sen stark ent­zün­de­ten Zustand ver­setzt.

Es war also eine chro­ni­sche Mast­darm­ent­zün­dung oder Prok­ti­tis mit allen beschwer­li­chen Begleit­erschei­nun­gen ein­ge­tre­ten. Das Jucken im Darm wur­de dann noch mecha­nisch durch den Reiz des Kotes sehr ver­mehrt, so dass es oft, beson­de­re abends, uner­träg­lich wur­de.

Von Heil­maß­nah­men sind rei­ni­gen­de war­me Klis­tie­re sowie von unse­ren bio­che­mi­schen Kom­plex­mit­teln das Darm­mit­tel und Schleim­haut­mit­tel und je nach den Begleit­um­stän­den auch ande­re Mit­tel ange­zeigt. Haupt­sa­che ist aber, den Ver­dau­ungs­ka­nal zu kräf­ti­gen, damit die Spei­sen in ange­mes­se­ner Zeit rich­tig ver­daut und dem Kör­per auch zuge­führt wer­den. Dazu ist aber gutes Kau­en unbe­dingt nötig. Außer­dem ist eine leicht ver­dau­li­che Kost not­wen­dig. Der Diät­re­for­mer Dreb­ber emp­fiehlt beson­ders Nüs­se und Nus­s­prä­pa­ra­te, mit oder ohne Milch­pro­duk­te. Fer­ner Eier mit Karot­ten, Toma­ten-, Gur­ken- oder Kopf­sa­lat als Eiweiß­nah­rung. An Koh­len­hy­dra­ten emp­fiehlt er: Hafer­zwie­back, Honig, süße Nähr- und Dörr­früch­te, Kas­ta­ni­en, Nuss­brot. Fer­ner Kör­ner­früch­te, roh oder gekocht, sowie die bekann­ten Wur­zeln und Knol­len in man­cher­lei Wei­se zube­rei­tet. Obst ist selbst­ver­ständ­lich nicht zu ver­ges­sen.

Um den Magen zu kräf­ti­gen und die Bil­dung der Gase zu ver­min­dern, ist das regel­mä­ßi­ge Ein­neh­men von Magen­mit­tel II und Darm­mit­tel ange­zeigt.

Dass außer­dem noch zur Kräf­ti­gung und Hei­lung eine mäßi­ge Lebens­wei­se, Atem­gym­nas­tik, hygie­ni­sche Kör­per­pfle­ge nötig ist, braucht nicht beson­ders erwähnt zu wer­den.

Wenn alles befolgt wird, wird sich der Darm wie­der aus­hei­len und kräf­ti­gen, die Blä­hun­gen hören auf, und zuneh­men­des Wohl­be­fin­den wird Lust und Kraft zu neu­em Schaf­fen geben.

Lite­ra­tur
Grams K: Blä­hun­gen. Die Kom­­plex-Bio­­che­­mie. 1925 Feb 1;5(2):21-2.